Modellfall Weißwasser

Neufert & Wagenfeld

Ernst Neufert (links) und Wilhelm Wagenfeld (rechts) werden im Projekt Modellfall Weißwasser verkörpert von Sebastian Straub und Heiner Bomhard

Ernst Neufert

Der Architekt Ernst Neufert, im Jahr 1900 geboren, war Bauhausschüler der ersten Stunde, Bauleiter für Walter Gropius und Professor in Weimar, später in Darmstadt. Er realisierte viele Industriebauten nach streng funktionalistischen Entwürfen in der Formsprache des Bauhauses.

Außerdem ist er Autor der „Bauentwurfslehre“ (BEL), die inzwischen in der 41. Auflage erschienen und in 18 Sprachen übersetzt ist. Der Neufert ist ein Standardwerk für jeden Architekten und enthält sämtliche Raummaße von der Badewanne bis zur Abfertigungshalle.

1936 kommt Neufert auf Vermittlung Wilhelm Wagenfelds als Hausarchitekt für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) nach Weißwasser/Oberlausitz. Er baut ein Hüttenwerk für die Glasproduktion und ein Zentrallager mit Versandhalle (Neufert-Bau) – seine ersten Industriebauten überhaupt. Mit seinen funktionalen Grundrissen optimiert er die Arbeits- und Bewegungsabläufe und bezieht dabei moderne Arbeits- und Betriebswissenschaften mit ein. Außerdem entwirft er für den Technischen Direktor der VLG das „Wohnhaus Dr. Kindt“.

Als Experte für einheitliche Maßordnung, Standardisierung und Normierung wird er

1943 „Reichsbeauftragter für Baunormung“ und Mitarbeiter Speers im „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“. Die Aufnahme in die „Gottbegnadeten-Liste“ der wichtigsten Architekten bewahrt ihn vor dem Kriegseinsatz.

2018/19 kehrt er aus Anlass des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums nach Weißwasser zurück, um gemeinsam mit den Bürger*innen neue Normen für die mittlerweile post-industriell geprägte Stadt zu entwickeln.

Wilhelm Wagenfeld

Der prägende Industrie-Gestalter des 20. Jahrhunderts kam im Jahr 1900 in Bremen zur Welt. Er war  Bauhausschüler in Weimar, später Professor in Berlin und Gründer der „Werkstatt Wagenfeld“ in Stuttgart, wo er im Jahr 1990 auch starb. Wagenfeld entwickelte seine Industrieformen des täglichen Bedarfs nicht nur aus der Funktion, sondern auch aus dem nachhaltigen und schönen Gebrauch, der damit möglich sein sollte. Alle Schichten der Gesellschaft sollten sich diese Produkte leisten können.

Von 1935 bis 1944 ist er künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser/Oberlausitz, damals größter deutscher Produzent für Gebrauchsglas und weltweit größter Glühlampenhersteller. Hier entwickelt er die international prämierte Rautenglas-Linie, die noch bis in die 1960er-Jahre in Weißwasser produziert wird. In Wagenfelds Entwurfswerkstatt arbeiten zahlreiche namhafte Gestalter und Entwickler. Daneben erneuert er mit starkem sozialen Engagement die Abläufe der Industrieproduktion und geht neue Wege der Werbung und des Ausstellungswesens.

Als „politischer Schädling“ wird er 1944 an die Ostfront geschickt. Im September 1945 kehrt er nach Weißwasser zurück und beteiligt sich bis zu seinem Umzug nach Berlin im Jahr 1947 am Wiederaufbau der VLG.

Wilhelm Wagenfeld hat in seinen letzten Lebensjahren erklärt: "Nach dem Krieg habe ich allerdings nirgends wieder so viel Zustimmung und so viel freie Entscheidung haben können wie in Weißwasser."  Und Walter Gropius schrieb ihm: "Ich versichere ihnen, daß Sie und Ihr Werk der Modellfall dessen sind, was das Bauhaus anstrebte."

Zum Gedenken an sein Wirken bei den Vereinigte Lausitzer Glaswerken wurde in Weißwasser/OL nach der Wende die frühere Wilhelm-Pieck-Straße in Professor-Wagenfeld-Ring umbenannt. Das Glasmuseum widmet ihm einen eigenen Raum. Zudem wurde ihm postum 2016 die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen.

2018/19 kehrt er aus Anlass des 100. Bauhaus-Jubiläums nach Weißwasser zurück, um gemeinsam mit den Bürger*innen der Stadt einen Neu-Gebrauch der post-industriellen Stadt zu entwickeln.