Baumeister Thormann

Bauhütte auf der Schnitterbrache

In der für den Modellfall hier errichteten Bauhütte empfing Baumeister Thormann für die Zeit des Parcours Gäste. Der Architekt Ulrich Thormann aus Hamburg setzte sich in dieser Rolle mit der eigenen Familiengeschichte auseinander. Carl Thormann war einer der Gründervater der Kohle- und Glasindustrie Weißwassers, Großvater Walter Thormann baute für Ernst Neufert etwas das Haus Kindt und schuf mit dem Bau des Wasserturms ein bedeutendes Wahrzeichen der Stadt. In der Bauhütte hörte nun der Enkel seinen Gästen zu, skizzierte Nutzungsideen, zeigte Pläne und Fotos, um seinen Beitrag zum Bau der Zukunft ganz im Sinne von Walter Gropius zu leisten.

Parcours - Baumeister Thormann in der Bauhütte

Der 73-jährige Architekt der behutsamen Stadterneuerung Ulrich Thormann plante in Hamburg 30 Jahre lang u.a. soziokulturelle Projekte, Stadtteilkulturzentren, alternative Wohnprojekte und Kindergärten. Er begleitete zahlreiche Workshops und Stadtteilkulturprojekte mit seiner Expertise und ist Mitglied verschiedener Künstlergruppen (www.architekturkonzept.com).
Weißwasser bezeichnet er aufgrund seiner rasanten industriellen Entwicklung als einen “seit über hundert Jahren existierender Modellfall problematischer Stadtentwicklung”. In der Bauhütte spricht er über dieses Erbe und die Folgen, die bis heute spürbar sind.

Parcours - Baumeister Thormann im Gespräch mit Besucher*innen

“Die Großprojekte der Industrie verlangten konkurrenzbedingt nach Veränderung. Die Produktion verlegte man zunehmend an immer neue Orte. Der belastende Gebäudeleerstand, die veralteten Produktionsstätten und Kontaminierungen verblieben oft mitten im Ort - so auch in Weißwasser. Ähnlich der aktuellen Entwicklung der Kernenergie, der AKWs, machte sich die Industrie keine sonderlichen Gedanken über die „Hinterlassenschaft“. Mit der Folge, das sich in den Orten, bei der Verwaltung und bei den Menschen, ein Gefühl der Ohnmacht verbreitete. Das ist m.E. in Weißwasser deutlich spürbar. Und damit ist eine Ausgangssituation gegeben, die mit „Zero“ beginnt. Dieses ist die Voraussetzung für Gestalter und die Entwicklung neuer Ideen.” (Baumeister Thormann)

Parcours - Konzeptzeichnung zu Weißwasser © Ulrich Thormann

Der Ort der Bauhütte ist mit bedacht gewählt. Denn für diese „Stadt ohne Zentrum“ könnte sie für die künftige Stadtentwicklung eine entscheidende Rolle spielen. Baumeister Thormann nimmt auch dies in den Blick, stellt ein Modell zur künftigen Nutzung dieser Brache vor und diskutiert es mit seinen Gästen.

„Der Bereich SCHNITTERBRACHE (Bahnhof WSW / Neufert-Bau / Volkshaus) ist m.E. die wichtigste Entwicklungsfläche der Stadt Weißwasser. Es besteht hier die letztmögliche Chance, die auseinanderfallenden Stadtteile miteinander zu verbinden. Notwendig ist ein auf die Besonderheit zugeschnittenes Nutzungskonzept, in dem die historischen, sozio-kulturellen, ökologischen und ökonomischen Determinanten Berücksichtigung finden. Dazu gehört auch die Einbeziehung von Förderwegen zum regionalen Strukturwandel.“ (Baumeister Thormann)

Die Bauhütte auf der Schnitterbrache stand für die Idee der gemeinschaftlichen Entwicklung des Ortes. Statt der Planung von oben sollte hier im offenen Gespräch mit den Bürger*innen ein partizipativer Prozess für eine selbstgemachte Stadt erprobt werden.

Parcours - Charta von Weißwasser

„Die komplexe Aufgabenstellung eignet sich nicht für sog. Investorenmodelle. M.E. ist dieser Bereich gut als Entwicklungsfläche für einen alternativen Sanierungsträger geeignet - der auch die Bürger und die bestehenden Projekte Neufert-Bau und Volkshaus in einem Gesamtkonzept einbezieht.“ (Baumeister Thormann)

Mit Fotos verdeutlichte Baumeister Thormann den Zustand der „Überforderungsgesellschaft“ und verband das mit dem Appell für eine neue Aufmerksamkeitskultur, in der Bindungen wieder neu eingegangen werden. Das „gemeinsame Erleben und Entwickeln“, so Baumeister Thormann, bringe auch
„neue Formen des Zusammenlebens und neue Rechtsformen“ dafür hervor. Dabei bezog er sich u.a. auf den Allmende- oder Genossenschaftsgedanken.

Seine Gäste forderte Baumeister Thormann auf, Kritik an Bestehendem und Wünsche für die künftige Stadtentwicklung auf Zettel zu notieren. Auf dem Boulevard - am Tor der Verwandlung - übergab er am letzten Parcours-Tag schließlich diese „Charta von Weißwasser“ an eine junge Bürgerin der Stadt. Die Charta wurde damit auch ein Kommentar zur „Charta von Athen“, in der Architekten und Städteplaner der 1930er-Jahre das neue Leitbild einer funktionalen Stadt entwickelt hatten, nach dem auch der Boulevard der DDR-Zeit gebaut wurde.

Besonders interessant und glaubwürdig für die Gäste der Bauhütte wurden Thormanns Ausführungen duch seine reichen biografischen Bezüge zur Stadt.
Gründergeschichten und die Glasindustrie spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Zeit der 1930er-Jahre, auf die der Modellfall durch Ernst Neufert & Wilhelm Wagenfeld explizit Bezug nahmen. Die NS-Zeit wurde mit der Erzählung über seinen Großvater, einem „Faschist der ersten Stunde“ (Thormann) anschaulich. Walter Thormann hatte nach Neuferts Entwürfen das Haus Kindt gebaut und als Neuferts Konkurrent selbst gehofft, den Zuschlag für den Neubau des Zentrallagers (Neufert-Bau) zu bekommen. Baumeister Thormann begriff die Rolle des Baumeister Thormann auch als persönliche Aufarbeitung und Wiedergutmachung.

Parcours - Historische Kontextualisierung

Die Schlüssel zur Bauhütte wurde am Ende des Parcours zur weiteren Nutzung stellvertretend an den City-Manager Frank Lublow übergeben. Im Sommer/Herbst 2019 fanden hier weitere Veranstaltungen statt. Für die Zeit, in der die Bauhütte nicht mehr steht, entwarf Baumeister Thormann für Weißwasser die „kleinste, tragbare Baubude der Welt“, die Wechselbox.

Texte „Baumeister Thormann“: Ulrich Thormann; Konzept & szenische Einrichtung: Ulrich Thormann/Stefan Nolte

Parcours - Skizzen: Wechselbox

Epilog:
Die Bauhütte stand vom 15.6.2019-17.11.2019 auf der Schnitterbrache und wude auch nach dem Modellfall weiter genutzt. Letztlich übernahmen doch Bau- und öffentliche Ordnungsrechte. Die Bauhütte wurde am 17.11. verladen und in die Station für Techniker und Naturforscher gefahren. Auf dem Gelände wird sie zwar aus dem Stadtzentrum verschwunden sein, bietet nun aber allen Mitarbeitern, Werkstatt- und Kursteilnehmern, vor allem aber den Kindern und Jugendlichen aus Weißwasser, einen schönen Ausblick in den Wald und Raum, über ihre Stadt nachzudenken.

Parcours - Abtransport der Bauhütte

Modellfall Weißwasser - Telux: Scherbentanz

Parcours - Bautafel Bauhütte Dez. 2018

Bautafel Bauhütte Dez. 2018
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