Modellfall Weißwasser

Das Projekt

Das performative Stadtprojekt in Weißwasser (im folgenden WSW) will in fünf Werkstätten mit seinen Bürger*innen einen neuen, selbst gemachten Gebrauch der Stadt entwickeln, der imSommer 2019 in einem Stadt-Parcours vorgestellt wird.

Angeknüpft wird dabei an das Wirken der beiden Bauhaus-Schüler Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert in WSW in den 1930/40er Jahren, das bis heute als Modellfall für die Umsetzung der Ideen des Bauhauses in der Großindustrie gelten kann. Dieses weitgehend unbekannte Erbe soll gehoben werden. WSW, damals Zentrum der europäischen Glasproduktion, wuchs bis zum Ende der DDR auf 38.TEw.. Infolge der Deindustrialisierung sind es heute 16 TEw.. Nirgends sonst in Deutschland findet sich eine vergleichbare Dynamik von Wachstum und Schrumpfung. WSW liegt in einer peripherer Lage abseits großer urbaner Zentren an der Grenze zu Polen, lebt eine intensive Städteparnerschaft mit Zary.

Wie passt die Stadt heute, wo die Industrie, die sie einst gestaltet hat, weitgehend abgezogen ist, in ihrer Form noch zum Gebrauch durch ihre Bewohner*innen? Was ist das Erbe der Bauhaus-Schüler und was läßt sich daraus für die Zukunft gewinnen?

Das Projekt will diesen Fragen in drei Phasen nachgehen. Wichtigste Protagonisten sind die Weißwasseraner selbst. Schulklassen, Freizeit- und Jugendeinrichtungen, Vereine, Chöre und Einzelpersonen werden gezielt zur Mitarbeit eingeladen. Über die Städtepartnerschaft werden zudem Gruppen aus Polen angesprochen. Zwei Schauspieler als Wiedergänger von Wagenfeld und Neufert werden alle drei Phasen mit Auftritten, Reden, Filmbotschaften und Aktionen im öffentlichen Raum begleiten. Dabei reflektieren sie kontrovers ihr Wirken unter dem NS-Regime und ihr eigenes Erbe im Spiegel der postindustriellen Zeit – z.B. angesichts der „rückgebauten“ Plattenbaustadt WSW-Süd als Inbegriff des standardisierten Bauens.

In der Recherchephase wird der Alltagsgebrauch der Stadt in Vergangenheit und Gegenwart untersucht und auf eine mögliche Zukunft hin befragt. Wagenfelds Begriff des „Gebrauchs“ wird auf den Stadtraum angewendet. Die Ergebnisse von Materialgrabungen, Vermessungen und Interviews werden zeitnah in Form von Texten, Fotos und Filmen in Schaufenstern leerstehender Geschäfte, als LED-Anzeige und über Online-Medien (Social Media /Blog) sichtbar.

Die 5 Werkstätten mit Jochen Roller (Tanz/Choreografie), Bernadette La Hengst (Chor), Constanze Fischbeck (Film), Hendrik Scheel (Installation/Objekte) und Stefan Nolte (Theater) entwickeln - inspiriert von Wagenfelds künstlerischem Labor in WSW und unter dem Eindruck drängender Zukunftsfragen – Formen eines neuen Stadtgebrauchs. Brachliegende Orte wie Glasfachschule, Neufert-Bau, Volkshaus oder alte Glasfabriken werden dabei vielfältig bespielt.

Im Sommer 2019 werden die Arbeitststände der Werkstätten zu einem performativen Parcours durch die Stadt verknüpft. Die Weißwasseraner demonstrieren einen Neu-Gebrauch ihrer Stadt, moderiert von den Wiedergängern Neuferts und Wagenfelds.

Die Vorführung des Dokumentarfilms (mit engl. Untertiteln) und die überarbeitete Website (dt./engl.) schließen das Projekt im Herbst 2019 ab und stellen den Neugebrauch zum Weitergebrauch als Open Source zur Verfügung. So kann WSW auch über Deutschland hinaus mit Blick auf Europas abgehängte Regionen zum Modellfall für eine mögliche Transformation werden. Die Einbindung des Projektes in das internationale Netzwerk der Stiftung Haus Schminke (Topographie der Bauten der Moderne - TOPOMOMO) wird die internationale Sichtbarkeit nicht nur in Polen und Tschechien stärken.